Meine lieben Leserinnen und Leser,
da ich einige Anfragen von euch zu meiner Meinung zur Elektromobilität im Hinblick auf Nachhaltigkeit bekommen habe, möchte ich dieses Thema näher
beleuchten. Dabei beziehe ich mich auf meinen Artikel aus dem Jahr 2021 und meine damalige Tätigkeit bei der IBE Anlagentechnik, insbesondere im Bereich Entsorgung und Recycling von Lithium-Ionen-Batterien. Nun möchte ich das Thema Nachhaltigkeit von Elektroautos etwas breiter betrachten.
Elektromobilität gilt als eine der großen Antworten auf die Klimakrise. Das Prinzip klingt zunächst überzeugend: kein Verbrennungsmotor, kein Benzin und Diesel, keine Abgase aus dem Auspuff – stattdessen Strom. Doch reicht es aus, den Antrieb eines Autos auszutauschen, um Mobilität nachhaltig zu machen?
Diese Frage wird interessanter, wenn man erstens nicht nur auf das Fahren selbst schaut, sondern auf den gesamten Lebenszyklus eines Elektroautos: von der Gewinnung der Rohstoffe über die Herstellung der Batterie und des Fahrzeugs bis zur Stromerzeugung, Nutzung, Reparatur, Zweitverwendung und schließlich zum
Recycling.
Und zweitens: Was ist überhaupt unter dem Wort „nachhaltig“ zu verstehen?
Denn Nachhaltigkeit bedeutet nicht einfach, möglichst wenig CO₂ auszustoßen. Nachhaltigkeit bedeutet, unsere Bedürfnisse heute so zu erfüllen, dass die natürlichen Lebensgrundlagen und die Möglichkeiten zukünftiger Generationen nicht zerstört oder dauerhaft eingeschränkt werden.
Aber werden wir tatsächlich nachhaltiger, wenn wir lediglich einen bestehenden Antrieb durch einen anderen ersetzen? Oder müssen wir für eine wirklich nachhaltige
Entwicklung tiefer gehen und grundsätzlich hinterfragen, wie viel Mobilität wir benötigen, wie wir uns fortbewegen und welche Strukturen unsere Mobilität überhaupt notwendig machen?
Erst wenn wir diese grundsätzlichen Fragen stellen, können wir beurteilen, welche Rolle Elektromobilität in einer wirklich nachhaltigen Mobilität spielen kann.
Vielleicht zuerst zu dem ersten Punkt und zur Betrachtung nicht nur des Fahrens, sondern des gesamten Lebenszyklus eines Elektrofahrzeugs:
Da müssen wir dann folgende Fragen gleich beantworten:
- Welche Rohstoffe werden dafür benötigt?
- Woher kommen diese Rohstoffe und unter welchen ökologischen und sozialen Bedingungen werden sie gewonnen?
- Wie viel Energie und Ressourcen werden für die Herstellung von Fahrzeug und Batterie benötigt?
- Wie lange hält die Batterie?
- Wie viel kann tatsächlich recycelt und wieder in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden?
- Wie sieht die Stromkomponente aus? Welche Auswirkungen hat die Stromerzeugung?
Rohstoffe – die unsichtbare Grundlage der Elektromobilität
Beginnen wir bei dem, was wir beim fertigen Elektroauto nicht sehen: den Rohstoffen.
Ein Elektroauto benötigt zahlreiche unterschiedliche Rohstoffe und Metalle. Dazu gehören unter anderem Lithium, Nickel, Kobalt, Graphit, Kupfer, Mangan und verschiedene weitere Materialien. Besonders die Antriebsbatterie macht deutlich, wie stark moderne Mobilität von globalen Rohstoffketten abhängig ist.
Damit beginnt die Nachhaltigkeitsfrage bereits lange, bevor das Auto auf der Straße fährt.
Wo werden diese Rohstoffe abgebaut? Welche Auswirkungen hat der Abbau auf Landschaften, Böden und Gewässer? Wie hoch ist der Energieverbrauch bei der Förderung und Weiterverarbeitung? Und unter welchen Arbeitsbedingungen werden die Rohstoffe gewonnen?
Gerade bei den sogenannten kritischen Rohstoffen zeigt sich, dass die Energiewende nicht nur eine technische, sondern auch eine geopolitische und soziale Herausforderung ist.
Lithium ist ein wesentlicher Bestandteil moderner Lithium-Ionen-Batterien. Es wird unter anderem aus Gestein und aus lithiumhaltigen Solen gewonnen. Bedeutende Förderländer sind beispielsweise Australien, Chile und Argentinien.
Die Frage lautet somit nicht nur:
Haben wir genug Lithium? Sondern: Können wir Lithium in den benötigten Mengen gewinnen, ohne dabei andere ökologische und soziale Probleme zu schaffen?
Noch stärker wird die soziale Dimension bei einem anderen Batterierohstoff sichtbar: Kobalt.
Die Demokratische Republik Kongo ist der weltweit bedeutendste Kobaltproduzent. Neben industriellem Bergbau gibt es dort auch handwerklichen und kleinbäuerlichen Bergbau. In diesem Bereich sind Kinderarbeit und gefährliche Arbeitsbedingungen dokumentiert.
Zwar wird bei verschiedenen Batterietechnologien daran gearbeitet, den Einsatz von Kobalt weiter zu reduzieren. Das Problem verschwindet dadurch jedoch nicht grundsätzlich. Eine nachhaltige Technologie muss immer unter sozialen Gesichtspunkten betrachtet werden.
Die Batterie – Herzstück und Ressourcenfaktor
Die Batterie ist ein zentraler und ressourcenintensiver Bestandteil des Elektroautos. Ihre Herstellung verursacht bereits Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen.
Entscheidend ist daher, wie lange Fahrzeug und Batterie genutzt werden und was anschließend mit den Materialien passiert. Eine Batterie verliert mit der Zeit an Kapazität, wird aber nicht plötzlich wertlos. Sie kann anschließend unter Umständen noch als stationärer Energiespeicher genutzt werden. [1] Diese Zweitverwendung wird als „Second Life“ bezeichnet. Erst danach kommt das Recycling.
Die Lagerung und Entsorgung gebrauchter Lithium-Ionen-Elektrofahrzeugbatterien birgt ein hohes Risiko der Umweltbelastung und eine potenzielle Gefährdung des
Menschenlebens in sich, indem die toxischen Elemente und Gase freigesetzt werden.
Andererseits stellen Lithium-Ionen-Akkus durch einen sinnvollen Recyclingprozess einen wertvollen Rohstoff dar. So enthält beispielsweise eine Lithium-Ionen-Batterie mit einer Kapazität von 50 kWh, geeignet für eine Reichweite von 250 bis 300 Kilometern, etwa 10 kg Mangan, 11 kg Kobalt, 32 kg Nickel und etwas mehr als 6 kg Lithium [2].
Deshalb ist ein sehr wichtiger Punkt das Recycling von Lithium-Ionen-Batterien. Und nicht nur das Recycling selbst, sondern auch die Rückgewinnung von Metallen aus Lithiumbatterien.
Derzeit rentiert sich die Rückgewinnung von Metallen aus Lithiumbatterien nicht für alle enthaltenen Metalle. Lithium ist beispielsweise wirtschaftlich nicht
recycelbar. Es ist möglich, es aus alten Lithium-Ionen-Batterien zu gewinnen, um Rohstoffe zu sparen, aber heute ist es unwirtschaftlich [3]. Laut Expertenprognosen wird die Nachfrage nach Lithium in naher Zukunft steigen und im Jahr 2050 bereits mehr als 1.000.000 Tonnen pro Jahr betragen [4]. Der Grund dafür ist das künftige Produktionswachstum von Elektrofahrzeugen.
Und dann ist da noch der Strom
Hier lautet die Frage eigentlich:
Woher kommt der Strom, mit dem das Fahrzeug geladen wird?
Wird Strom aus Kohle, Erdgas oder anderen fossilen Energieträgern verwendet, entstehen bereits bei der Stromerzeugung Treibhausgasemissionen.
Stammt der Strom dagegen aus erneuerbaren Energiequellen wie Wind, Sonne oder Wasserkraft, fällt die Klimabelastung wesentlich geringer aus.
Damit zeigt sich ein wichtiger Zusammenhang:
Die Klimabilanz der Elektromobilität hängt auch vom Energiesystem ab, in das sie eingebettet ist.
Ein Elektroauto kann deshalb nicht losgelöst von der Energiewende betrachtet werden. Wenn immer mehr Autos elektrisch fahren, gleichzeitig aber auch Gebäude, Heizungen und industrielle Prozesse elektrifiziert werden, steigt der Bedarf an elektrischer Energie.
Welche zusätzlichen Kraftwerke, Stromleitungen und Speicher benötigen wir dafür?
Auch erneuerbare Energien benötigen Rohstoffe, Flächen und Infrastruktur. Windkraftanlagen und Photovoltaikanlagen entstehen nicht ohne Material- und Energieaufwand.
Die Energiewende löst also nicht automatisch jedes Ressourcenproblem. Sie verändert vielmehr die Art und Weise, wie wir Energie erzeugen und nutzen.
Ist das Elektroauto deshalb nicht nachhaltig?
Diese Schlussfolgerung wäre zu einfach.
Im Vergleich zu einem Benzin- oder Dieselfahrzeug kann ein Elektroauto über seinen gesamten Lebenszyklus deutlich weniger Treibhausgasemissionen verursachen. Aber auch wenn wir alle oben genannten Fragen zu Rohstoffgewinnung, sozialen Bedingungen in globalen Lieferketten, Batterieherstellung und Recycling sowie Strombedarf mit ihren Komponenten positiv beantworten würden, ist die Elektromobilität tatsächlich eine nachhaltige Verkehrswende? – Oder ist es lediglich eine Antriebswende?
Denn wenn wir Millionen von Benzin- und Dieselautos durch Millionen von Elektroautos ersetzen, verändern wir zwar den Antrieb. Aber verändern wir damit auch unsere
Art der Fortbewegung?
Fahren wir dann weniger? Benötigen wir dann weniger Straßen? Weniger Parkplätze? Weniger Fläche? Oder fahren wir weiterhin dieselben langen Strecken – nur elektrisch?
Genau an diesem Punkt beginnt die vielleicht wichtigste Frage der gesamten Debatte:
Brauchen wir eine Mobilität, die nur einen anderen Antrieb hat – oder brauchen wir eine Mobilität, die insgesamt weniger Ressourcen verbraucht?
Aber weniger CO₂ bedeutet nicht automatisch Nachhaltigkeit in allen Bereichen.
Quellen:
- https://www.iea.org/reports/global-ev-outlook-2026/electric-vehicle-batteries
- https://www.jubatec.eu/recycling-von-lithium-ionen-akkus/
- https://futurezone.at/science/so-aufwendig-werden-alte-lithium-ionen-akkus-recycelt/401131764
- Buchert M., Sutter J.: Stand und Perspektiven des Recyclings von Lithium-Ionen-Batterien aus der Elektromobilität.
